Institut für Buchwissenschaft Erlangen
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg
Navigation ein- und ausschalten

Inhalt

Geschichten am Lagerfeuer

Geschichten am Lagerfeuer

Literaturveranstaltungen im digitalen Zeitalter

Termin: 19.02.2014 – 20.02.2014
Tagungsort: Erlangen, Kulturzentrum E-Werk
Tagungsleitung: Dr. Günther Fetzer; Dr. Sandra Rühr
Ansprechpartner: Dr. Sandra Rühr

Drittmittelgeber:

Dr. German Schweiger Stiftung | Freundeskreis der Erlanger Buchwissenschaft

Programm:

PDF 

Abstract

Am 19. und 20. Februar 2014 fand im Rahmen des Forschungsprojekts »Digibuch« die interdisziplinäre Tagung »Geschichten am Lagerfeuer. Literaturveranstaltungen im digitalen Zeitalter« statt. Anhand von sechs Vorträgen und zwei Podiumsdiskussionen lernte das Publikum die Vielfalt der verschiedenen Vermittlungsformen von Literatur kennen. Die Veranstaltung in der Clubbühne des Kulturzentrums E-Werk war mit weit über 100 Teilnehmern und Teilnehmerinnen sehr gut besucht und zeigte einmal mehr das breite Themenspektrum der Erlanger Buchwissenschaft.

Tagungsbericht

Die zweitägige Veranstaltung, die im Rahmen des Forschungsprojekts »Digibuch« stattfand, präsentierte und diskutierte in sechs Vorträgen und zwei Podiumsdiskussionen die Vielfalt der verschiedenen Vermittlungsformen von Literatur. Weit mehr als 100 Teilnehmer waren in das Erlanger Kulturzentrum E-Werk gekommen.

Nach dem Grußwort des Kanzlers der Universität, Thomas A. H. Schöck, begrüßte Prof. Dr. Ursula Rautenberg mit einem Ausflug in das Mittelalter und schilderte am Beispiel Walters von der Vogelweide, wie ein Minnesänger sich »verkaufen« musste, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dr. Sandra Rühr, die zusammen mit Dr. Günther Fetzer die Tagung organisierte und leitete, ergänzte den historischen Rückblick mit einem Hinweis auf den Eventcharakter von Lesungen von Charles Dickens, der bereits im 19. Jahrhundert 2500 Zuhörer in riesigen Sälen anlocken konnte.

Der Eröffnungsvortrag »Die nächste Literaturvermittlung« des Berliner Kulturwissen-schaftlers Prof. Dr. Stephan Porombka (Freie Universität der Künste) skizzierte die Herausforderungen für Buchmarkt und Verlagskultur und damit für die Literaturvermittlung in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Vernetzung. Zentrale Aufgabe sei es, diese Vermittlung als Teil eines Prozesses zu verstehen, der immer auf »das Nächste« ziele: Jedes Ereignis in diesem Prozess sei ein nächster Schritt in einem prinzipiell unsicheren Gelände. Die rege anschließende Diskussion verdeutlichte die Brisanz seiner Ausführungen.

Die Einflüsse des digitalen Zeitalters auf Literaturveranstaltungen der Frankfurter Buchmesse stellte der Buchwissenschaftler Prof. Dr. David Oels (Universität Mainz) in einen theoretischen Rahmen, den Katja Böhne (Frankfurter Buchmesse) mit vielen Bildbeispielen ausfüllte. Dabei ging sie auch auf die künftige Struktur der Publikumsveranstaltungen auf der Frankfurter Buchmesse ein.

Dr. Sonja Vandenrath (Kulturamt Frankfurt am Main) beleuchtete in ihrem Vortrag mit dem Titel »Fatale Förderer« einerseits die Bedeutung von Sponsoren und Stiftungen zur Förderung der Literatur und der Literaturvermittlung, verschwieg aber nicht die Gefahr, die aus der durchaus üblichen zeitlichen Begrenztheit der Sponsorentätigkeit und der versuchten Einflussnahme auf einzelnen Projekte entsteht.

Einen sehr informativen systematischen Überblick über »Autorenlesungen im Internet« bot die Literaturwissenschaftlerin Dr. Renate Giacomuzzi (Universität Innsbruck) und unterstrich ihre Ausführungen durch zahlreiche Beispiele.

Einen ganz anderen Blick auf das Tagungsthema eröffnete den Teilnehmern der Kommunikationswissenschaftler Dr. André Haller (Universität Bamberg), indem er Literaturver-anstaltungen im digitalen Zeitalter in den größeren Zusammenhang von Kommunikation und deren Nutzen für den Einzelnen stellte.

In seinem mit Spannung erwarteten Schlussvortrag präsentierte Prof. Dr. Michel Clement, Professor für Marketing und Medienmanagement an der Universität Hamburg, Ergebnisse einer empirischen Studie zu Auswirkungen der Fernsehsendung Lesen! von Elke Heidenreich auf die Absatzzahlen der empfohlenen Bücher. Sein zugespitztes Fazit: »Nur Wischiwaschi-Urteile haben keinen Effekt. Der Ankereffekt funktioniert, wenn der Kritiker pointiert wertet. Auch negative Urteile können zum Kauf reizen, auch Verrisse machen interessant.«

Die prominent besetzten Podiumsdiskussionen ergänzten die wissenschaftlichen Vorträge vorzüglich. Immer wieder wurden Fragen aus der Sicht der Praxis aufgegriffen, die zuvor in den Ausführungen der Wissenschaftler in einen größeren Rahmen gestellt worden waren. Neben dem Autor Ewald Arenz erörterten am ersten Tag Martin Bruch (Literaturbüro Freiburg), Dr. Anja Johannsen (Literarisches Zentrum Göttingen) und Dr. Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg) unter dem Titel »Kulturauftrag oder Autorenmarketing?« die schwierige Gratwanderung der Literaturhäuser zwischen autonomer Programmgestaltung und der Gefahr, zu »Abspielstätten für die Spitzentitel der Verlage« zu werden. Diese Frage hängt unmittelbar mit der Finanzausstattung der Häuser zusammen, die in Zeiten der Kürzung öffentlicher Mittel immer prekärer wird.

Um die Finanzsituation ging es natürlich auch in der zweiten Podiumsdiskussion, die den provokanten Titel »In der Masse liegt die Klasse« trug. Bodo Birk (Poetenfest Erlangen), Claudia Floritz (Lesen! Fürth), die freie Festivalorganisatorin Friederike Moldenhauer (Nochtspeicher Hamburg) und Gesine Neuhof (Leipzig liest) stellten anhand vieler Bei-spiele die eindrucksvolle Bandbreite von Literaturfestivals dar – von der Massenveran-staltung anlässlich der Leipziger Buchmesse mit über 3000 Einzelterminen (finanziert durch die ausstellenden Verlage) über das traditionsreiche Poetenfest (getragen von der Stadt Erlangen) bis zu kleinen, oft privat gesponserten Literaturfesten.

Die außerordentlich facettenreiche Tagung wurde durch eine Abendveranstaltung ergänzt und abgerundet, bei der der mehrfach ausgezeichnete Autor Ewald Arenz (Verlag ars vivendi) aus seinem zuletzt erschienen Roman »Ein Lied über der Stadt« las. Dass bei einer wissenschaftlichen Tagung zum Thema Literaturvermittlung ein Autor zu Wort kam, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass es ohne die Autoren keine Literaturvermittlung gäbe.