Institut für Buchwissenschaft Erlangen
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg
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Inhalt

Was ist Buchwissenschaft?

Ein Fach, das die Bezeichnung »Buch« im Namen trägt, muss sich erklären. Denn im Alltagsverständnis ist ein Buch meist ein auf Papier gedruckter Gegenstand mit unterschiedlichen Inhalten, der im Buchhandel zu kaufen oder in der Bibliothek auszuleihen ist. Die Vielfalt der Materialobjekte macht aber noch keine Wissenschaft vom Buch: Diese muss ihren Forschungsgegenstand als Formalobjekt definieren, also die spezifischen Perspektiven benennen, aus denen die Materialobjekte untersucht werden.

Was erforscht also die Buchwissenschaft?

Das Buch ist ein Medium der schriftbasierten Kommunikation. Schriftmedien, von der Schriftrolle über die mittelalterliche Handschrift, neuzeitliche gedruckte Medien wie Buch, Flugblatt, Zeitung und Zeitschrift bis hin zu deren elektronischen Formen, übernehmen in Geschichte und Gegenwart eine wichtige Rolle für die Organisation von Gesellschaften. Sie dienten und dienen der Information, Bildung und Unterhaltung, aber auch der Verständigung über gesellschaftliche Normen und Werte. Im Kern der buchwissenschaftlichen Forschung steht die Frage, wie und auf welche Weise die jeweiligen Objekte Kommunikation unmittelbar und über Zeiten und Räume hinweg ermöglicht und gestaltet haben. Die operative Umsetzung der zentralen Fragestellung führt zu den folgenden Formalobjekten, die die Erlanger Buchwissenschaft als akademische Disziplin charakterisieren:

Die Analyse der kommunikativen Leistungen

fragt nach dem Zweck und dem Nutzen der verschiedenen Materialobjekte: Was machen Menschen mit Büchern und anderen Schriftmedien? Lesen oder in das Regal stellen? Sich bilden und informieren, oder die Langeweile zerstreuen? Und welches Objekt ist wofür das Richtige? Das Papierbuch am Strand, das elektronische in der U-Bahn?

Die Analyse der Bereitstellungsqualität

beobachtet die Eigenschaften der verschiedenen Materialobjekte: Welche materiellen und funktionalen Eigenschaften weisen unterschiedliche Träger- und Übertragungsmedien wie Pergament, Papier oder digitale Impulse auf und wie gingen und gehen Leser damit um? Wie hängt die typographische Gestaltung mit den Inhalten zusammen, die über Schriftmedien verbreitet werden und wie wird der Akt des Lesens dadurch beeinflusst? Wie entstehen Buchtypen und wie verändern sie sich? Und nicht zuletzt: Welche Beziehungen lassen sich zwischen Inhalt, Buchtyp, Leser- und Käufergruppen und deren Interessen herstellen?

Die Analyse der Organisationen

stellt die Unternehmen, Strukturen und Prozesse in den Mittelpunkt, deren Aufgabe es ist, Schriftmedien herzustellen und zu verbreiten. Skriptorium und Druckerei, Verlag, Buch- und Pressehandel und Bibliotheken hatten und haben bestimmte Aufgaben. Welche sind das und warum sind die Aufgaben auf die einzelnen Organisationen so verteilt, wie sie sind? Welche Akteure haben im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren, welche kommen im Zuge aktueller Entwicklungen neu hinzu? Wie komplex sind die Prozesse des Erzeugens und Distribuierens papierbasierter oder digitaler Schriftmedien?

Die Analyse der Institutionen

beschäftigt sich mit den Einrichtungen, Gesetzen und Regeln, die das System der Schriftmedienkommunikation beobachten, fördern, stützen, kontrollieren oder auch regulieren und einschränken. Wie wurden die Menschen in der Geschichte an der Verbreitung bestimmter Informationen gehindert und welche Strategien haben sie entwickelt, um die Schranken zu umgehen? Warum können Buchhändler die Preise für Bücher nicht frei gestalten? Ist diese Regelung in der digitalen Welt auch noch sinnvoll?

Im Fokus der Analyse des Lesers und des Lesens

stehen Fragen rund um den Rezipienten und den Prozess des Rezipierens von Schriftmedien. Untersucht werden Verhaltensweisen von Lesern, die Umgebungen in denen und die Bedingungen unter denen gelesen wird sowie das Zusammenspiel von Bereitstellungsqualität und Leseprozess.

 

Alle Formalobjekte werden in Erlangen aus historischer wie aus moderner Perspektive erforscht. Stets im Blick ist die Rückanbindung aktueller Phänomene an die Buchgeschichte: Dies ist der Erlanger Buchwissenschaft ein besonderes Anliegen.

Welches sind die Methoden und Erkenntnisziele?

Die Erlanger Buchwissenschaft versteht sich als Disziplin, die ihre Forschungsfragen in kultureller, ökonomischer und soziologischer Dimension behandelt. Als inter- und transdisziplinär arbeitendes Fach kennzeichnet sie ein methodischer Pluralismus, der seine Basis in der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik, der historischen Empirie sowie den Wirtschafts-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften hat.

Die Forschungsarbeiten sind beschreibender, erklärender und gestaltender Art: Die Erlanger Buchwissenschaft benennt und systematisiert, sie untersucht Zusammenhänge hinsichtlich korrelierender und kausaler Eigenschaften, sie bewertet Phänomene und unterbreitet Vorschläge zur Veränderung von Situationen. Die Studien der Erlanger Buchwissenschaft sind damit sowohl positiv als auch normativ geprägt.

Einblicke in die Forschungswerktstatt

Die Historie von der schönen Melusine: Buch, Text und Bild

Das Forschungsprojekt hat mehr als 80 Druckausgaben der viel gelesenen, populären Erzählung von der Erstausgabe 1473/74 bis ins 19. Jahrhundert verglichen. Wie verändert sich das Buch als Buch, in seinem Format, seiner Ausstattung und typographischen Gestaltung? Welche Funktion haben die Bildzyklen und wie verändert sich die sprachliche Fassung? Welche Intentionen verfolgen die Verleger, Setzer und Künstler und welche neue »Lesart« eines alten Textes bieten sie dem Publikum im Lauf der Jahrhunderte? Diese Fragen waren nur in enger Zusammenarbeit von Buchwissenschaft, Sprachgeschichte und Kunstgeschichte zu beantworten. Die reichen transdisziplinären Forschungsergebnisse zeigen: Das Buch als »Gesamtkunstwerk« erschließt sich am besten in einem interdisziplinären, integrativen Forschungsdesign.

Vom Druck zum Bildschirm: Usability von Printprodukten in digitaler Aufbereitung

Das Forschungsprojekt thematisiert die Bereitstellungsqualität der digitalen Versionen von Printprodukten. Mit dem Aufkommen moderner Endgeräte (Tablets, Smartphones) eröffnen sich insbesondere für Zeitschriften und Zeitungen neue, im Vergleich zur Darstellung von Online-Inhalten im Browser aber wiederum printähnlichere Formen der Inhalte. Unklar ist dabei aber noch, welche Darstellungsformen hinsichtlich Wahrnehmung und Lesbarkeit

der Inhalte geeignet sind. Hinzu kommt, dass die Bedienung der digitalen Objekte im Vergleich zu den Printversionen relativ komplex ist, z.B. Buttons finden und interpretieren, und Standards in Struktur und Symbolik noch nicht ausgeprägt sind. Das Projekt ist im Jahr 2012 in einer Vorphase mit einer ersten mehrwöchigen empirischen Untersuchung zur Nutzung von digitalen Zeitungen und Zeitschriften gestartet und als inter- und transdisziplinäres Langzeitprojekt angelegt.